Ngozi Schommers

Künstlerin: Ngozi Schommers

Titel: Lately (Lassnig moment)

Entstehungsjahr: 2020

Maße (Höhe x Breite): 140 x 100 cm

Material/Technik: perforiertes Papier, Tinte, Aquarell, Konfetti auf Papier

Inventarnummer: SG1625

 

Ngozi Ajah Schommers ist eine deutsch-nigerianische Künstlerin. In ihren Werken thematisiert sie Fragen von Identität, Erinnerung, Migration und postkoloniale Machtverhältnisse. Dabei stehen häufig persönliche Erfahrungen sowie die Lebensrealitäten schwarzer Frauen im Zentrum ihrer künstlerischen Praxis. Auch das 2020 entstandene Werk Lately (Lassnig moment) kann als ein besonders intimes Selbstporträt gelesen werden. 

Die Künstlerin blickt den Betrachtenden mit eindringlicher Direktheit entgegen. Ihr Gesichtsausdruck wirkt fokussiert und ernst, der Oberkörper ist leicht nach vorne geneigt und die Beine angewinkelt. Ein hellblauer, faltenreicher Rock bekleidet ihre Beine, während ein schwarzer Büstenhalter ihre Brust bedeckt. Ihr rechter Arm ist ausgestreckt, wobei Zeige- und Mittelfinger eine imaginierte Waffe formen, die auf die Betrachtenden gerichtet ist. Zugleich wiederholt sie die Geste mit der anderen Hand und zielt damit auf ihre eigene Schläfe. Die Pose evoziert damit zugleich Angriff und Selbstbedrohung. 

Das Werk verweist explizit auf Du oder Ich (2005) der österreichischen Künstlerin Maria Lassnig. Auch Lassnig inszeniert sich darin in einem Selbstporträt. Körperlichkeit und Nacktheit stehen in diesem Werk im Vordergrund, in dem sie zwei Revolver hält: einen auf die Betrachtenden, den anderen gegen die eigene Schläfe. Während Lassnig diese Situation mit realen Waffen darstellt, transformiert Schommers das Motiv in eine symbolische Geste. Die Referenz fungiert damit weniger als direkte Wiederholung denn als dialogische Aneignung eines kunsthistorischen Bildmotivs.

Besonders prägnant ist die Materialität der Arbeit. Schommers verwendet Konfetti, das sie auf einem weißen Papiergrund zu einem Bildkörper arrangiert. Aus der Distanz fügt sich das heterogene Material zu einer nahezu pointilistischen Gesamtkomposition. Aus der Nähe tritt hingegen die fragmentarische Struktur der einzelnen Papierschnipsel hervor. Das Prinzip des Offenbarens und Entschwindens tritt auch in der Gestaltung ihrer Füße, ihrer Haare und des Hintergrunds auf. Dort, wo sie Leerstellen lässt oder Formen lediglich andeutet. Das Werk erscheint dadurch unfassbar und rückt zugleich die Porträtierte in den Fokus. 

Lately (Lassnig moment) besticht durch ein komplexes Spannungsverhältnis aus Handlungsmacht und Vulnerabilität. Die ausgestellte Körperlichkeit der Künstlerin und ihre herausfordernde Blickadressierung wirken entwaffnend. Sie hält die Waffe in der Hand und richtet den imaginären "Schuss" auf die Betrachtenden. Schommers durchbricht damit die passive Rolle des porträtierten Körpers und zwingt die Rezipierenden zum Innehalten. Zugleich richtet sie die imaginäre Waffe auf ihre eigene Schläfe. Dieser Akt der Selbstgefährdung symbolisiert, welches prekäre Spannungsverhältnis diese Selbstinszenierung erzeugt: Schommers liefert sich dem voyeuristischen Blick ihrer Gegenüber aus. Sie präsentiert sich als Künstlerin, als schwarze Frau und als Bildgegenstand und stellt ihre eigene Verletzlichkeit offen dar. 

Im Zusammenspiel von Blickadressierung, Körperlichkeit und Referenz entsteht so ein ambivalentes Gefüge aus Kontrolle und Ausgeliefertsein, Täter- und Opferposition sowie Produktion und Rezeption von Bildern.